Cool Ideas Society Rhein-Main

Wie man gute Ideen gemeinschaftlich ganz GROß und noch besser macht ... www.coolideassociety.com

  

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Interview: Birgit Heilig & Michael Wunsch

Liebe Birgit, lieber Michael: Berichtet uns doch kurz, was es mit der Cool Ideas Society auf sich hat.

Birgit: Cool Ideas Society stammt ursprünglich aus den Niederlanden und ist seit vier Jahren in Deutschland aktiv. Der Verein unterstützt Menschen bei der Weiterentwicklung ihrer Ideen und Vorhaben, vorrangig im Bereich sozialer Projekte und Sozialunternehmen. Schwerpunkt unserer Arbeit sind Co-Kreativität und Co-Ideation, also die Ideenentwicklung im Team, Ausbau und Voranbringen der Idee durch verschiedene Ansätze und mit Hilfe von Crowd-Intelligenz. Außerdem fördern wir die Gestaltungsfähigkeit der Menschen, indem wir durch unsere Methoden verkrustete Denkmuster aufbrechen und den Blickwinkel weiten. Diese Anregungen helfen den Teilnehmenden nicht nur im Beruf, sondern auch privat in diversen Situationen wie Problemlösung oder Entscheidungsfindung.

Seit 2015 haben Micha und ich die bislang ehrenamtliche Tätigkeit als Anlass für unsere Selbständigkeit genommen und kümmern uns seither um die Geschäftsfeldentwicklung des Vereins; d.h. wir entwickeln und testen neue Formate, mit denen wir unsere Kernaktivität und unsere Prinzipien auch auf professioneller Ebene nutzen können. Des Weiteren setzen wir uns für die Stärkung des Themas Social Entrepreneurship ein – durch politische Arbeit, Beratung für junge Social Startups in der frühesten Phase sowie durch intensive Netzwerkaktivitäten und den ChangeMakerSpace, ein dreitägiger Workshop zum Reinschnuppern in das Thema.

Wie entstand die Idee?

Micha: Die Gründer in den Niederlanden, Bela und Bas, haben im privaten Umfeld Freunden bei der Ausarbeitung einiger Pläne geholfen. Die in der Gruppe entstehende Dynamik bei der Ideenentwicklung hat sie so sehr fasziniert, dass sie das Konzept etwas formalisiert und als Veranstaltung für andere Menschen zugänglich gemacht haben.

Wie kamt ihr beiden jeweils dazu?

Micha: Ich war schon sehr lange auf der Suche nach einer neuen Form des Arbeitens, als ich über eine Freundin von Cool Ideas Society erfahren habe. Ich weiß noch gut: Ich war auf dem Weg zu einer Konferenz zu Social Entrepreneurship in Schweden und habe für drei Tage Halt in Witten im Ruhrpott gemacht. Dort habe ich dann während der Ausbildung zum Cool Ideas Society Host das erste Mal die Menschen hinter dem Verein kennen gelernt. Was meine Freundin versprochen hatte, wurde so stark übertroffen, dass ich mich entschloss, mit einer weiteren Host, Britta May, einen Ableger des Vereins in Rhein-Main aufzubauen. Das war richtig spannend – vor allem, da wir schnell mit tollen Partnern zusammen kamen, wie dem Social Impact Lab in Frankfurt oder dem heimathafen in Wiesbaden.

Birgit: Ich lernte Micha im Sommer 2014 im privaten Umfeld kennen und er lud mich zum ersten Cool Ideas Society-Abend in Frankfurt ein. Für mich war es in meiner damaligen, erstarrten beruflichen Situation eine sehr bereichernde Erfahrung, ein paar Stunden wieder rumspinnen und völlig frei denken zu dürfen. Außerdem reizte mich der Kontakt mit Menschen, die ein eigenes Unternehmen gründen wollten und ihren Machergeist über ökonomische Notwendigkeiten stellten. Nach kurzer Zeit fand ich dann auch Gefallen an der dahinterliegenden Methodik, sodass ich 2015 als aktiver Host, also als Moderatorin und Workshopleiterin, mit eingestiegen bin.
Micha erzählte mir von seiner Idee der Gründung eines ChangeMakerSpace. Das ist ein physischer und mentaler Raum, in dem sich gründungsinteressierte Menschen in Teams zusammenfinden und mit sozialunternehmerischen Mitteln gesellschaftliche Herausforderungen lösen. Er fragte mich, ob ich Lust hätte, mit ihm gemeinsam ein entsprechendes Projekt aufzubauen. Da ich beruflich ohnehin auf Wechselkurs war, entschied ich mich für unsere Zusammenarbeit und die Selbständigkeit.

Was könnt ihr zu den Herausforderungen berichten? Welche gab/gibt es und wie geht ihr damit um?

Birgit: Herausforderungen gibt es auf vielen Ebenen – einen Verein von rein ehrenamtlicher Tätigkeit auf eine unternehmerische Stufe zu hieven ist komplex, weil man sowohl steuerlich-rechtliche Dinge beachten muss als auch die unterschiedliche Bereitschaft der Mitglieder, die eine solche Transformation betrifft. Zum Glück genießen wir bei den Gründerinnen sowie auch bei den anderen Aktiven ein hohes Vertrauen und viel Gestaltungsspielraum.
Inhaltlich steht bei uns Social Entrepreneurship im Vordergrund – wie kann man mit unternehmerischen Mitteln gesellschaftliche Herausforderungen lösen? In Deutschland erlebt das Thema derzeit zwar einen gewissen Trend, aber die Rahmenbedingungen sind mehr als ausbaufähig. Zum einen fehlen Kriterien, die Sozialunternehmen von anderen Unternehmen klar abgrenzen. Zum anderen fehlt es an spezifischer Förderung im Bereich Impact Investment, also Kapital, das sich nicht nur an finanzieller Rendite, sondern auch an der gesellschaftlichen Wirkung des Geschäftes orientiert. Politisch wird das Thema langsam präsent, aber es gibt noch nicht einmal einen Konsens darüber, in welches Ressort Social Entrepreneurship eigentlich fällt. Auch rechtliche und steuerliche Bedarfe, die in anderen Ländern wie Frankreich und England explizit an Sozialunternehmen angepasst sind, werden in Deutschland noch in keiner Weise berücksichtigt.
Auf der persönlichen Ebene sind wir mit denselben Problemen wie auch andere Startups konfrontiert: wie bringen wir unser Business so zum Laufen, dass wir unseren Lebensunterhalt bestreiten können? Wie bringen wir Wunsch und Wirklichkeit in Einklang – also unternehmerische Notwendigkeiten mit unseren Idealen und Zielen, für die wir arbeiten. Wie arbeiten wir im Team, wie kommunizieren wir, wie treffen wir Entscheidungen? Bei Cool Ideas Society verfügen wir über viel Kompetenz in diesen Bereichen, aber je nach Projekt und der Anzahl der mitarbeitenden Mitgliedern gilt es, unterschiedliche Varianten zu finden.

Micha: Eine der größten Herausforderungen für uns – aber sicherlich auch für die Gesellschaft als Ganzes – ist, eine nachhaltige Form des Wirtschaftens zu etablieren. Es ist recht schwer, in einer durch falsche Anreize und Subventionen verzerrten Ökonomie, Projekte und Unternehmen umzusetzen, die dies errichten wollen. Daher ist meiner Meinung jede Profession gefragt, sich in den Dialog über die Zukunft – vor allem durch aktives Handeln – einzubringen. Wir versuchen jeden Tag, Menschen eine Unterlage für diesen Dialog zu geben. Leider ist es noch immer eine Herausforderung für uns, dies auf eine ökonomisch nachhaltige Art und Weise zu tun. Zum Glück sehen wir, dass wir dafür jedoch viel Zuspruch von Akteuren aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft bekommen. Wir bleiben also zuversichtlich, dass auch unsere Produkte bald für steigende Nachfrage sorgen werden.

Was würdet ihr Menschen empfehlen, die ihr eigenes Projekt starten möchten?

Birgit: Träumt, aber bewegt Euch erst mal im Rahmen Eurer Möglichkeiten. Was bringt Ihr an Erfahrungen, Fähigkeiten, Kompetenzen und Ressourcen mit, die in das Projekt einfließen können und Euch einen schnellen Start ermöglichen? Legt so früh wie möglich mit einem ersten Test los, um rauszufinden, was geht und was nicht. Und redet mit jedem, der es nicht hören will, über Eure Idee – Ihr wisst nie, welche Impulse oder Kontakte Ihr über ein simples Gespräch gewinnen könnt!

Micha: Ein eigenes Projekt umzusetzen ist nichts für Weicheier. Es tut mir Leid, dass ich da so offen und unromantisch sprechen muss. Aber wenn man wirklich etwas bewegen möchte, muss man lernen, zu kämpfen. Daher kann ich jedem, der ein eigenes Projekt starten möchte, raten, dass sie oder er in sich eine Triebfeder findet, die so stark ist, dass auch die schwersten Zeiten und härtesten Rückschläge überdauert werden können. Wer das hat, ist nicht zu stoppen!

Wie seht ihr die aktuelle gesellschaftliche Situation? Was läuft schief? Was gibt Hoffnung?

Birgit: Schief läuft das zunehmende Auseinanderdriften der Gesellschaft – die gut Qualifizierten können sich stetig weiterbilden, während die mit schlechterer Bildungsbasis Schwierigkeiten haben, Anschluss zu finden. Diese Entwicklung wird sich mit der zunehmenden Digitalisierung noch verstärken und beschleunigen. Das Gefühl, abgehängt zu sein oder es bald zu werden, belastet schon heute viele Menschen – meiner Meinung nach ein Hauptgrund für das Wiedererstarken der Rechtspopulisten. Diese politische Radikalisierung macht mir persönlich am meisten Angst.
Hoffnung sehe ich darin, dass es auf der anderen Seite auch Menschen gibt, die kapieren, dass es so nicht weitergehen kann – dass der Sozialstaat nicht mehr alles auffangen kann, aber auch, dass wir nicht weiter so rücksichtslos mit Ressourcen umgehen können. In unserer Arbeit treffen wir auf sehr engagierte Menschen, die ihre ganze Kraft in eine konkrete Verbesserung unserer Welt legen.

Micha: Unser größtes gesellschaftliches Problem heutzutage ist, dass wir nicht wissen, welches das größte gesellschaftliche Problem ist. Ich würde behaupten, dass die gesellschaftliche Entwicklung heute noch vollkommen zufällig abläuft. Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft orientieren sich größtenteils an reaktiven, wenig gesteuerten Phänomenen. Da haben wir noch viel zu tun. Denn wir benötigen eine bessere Abstimmung der Akteure untereinander, um eine nachhaltige Entwicklung des Menschen zu garantieren.

Und speziell im Rhein-Main-Gebiet?

Birgit: Das Rhein-Main-Gebiet ist wirtschaftlich eine der stärksten Regionen Deutschlands – der Preis dafür sind die rasant ansteigenden Mieten, eine hohe Verkehrsbelastung sowohl durch Autos als auch durch Flugzeuge und die damit einhergehenden Belastungen für die Gesundheit der Bewohner. Also ein ideales Versuchsgebiet für die Frage, wie man wirtschaftliche Leistungskraft mit hoher Lebensqualität, möglichst wenig Umweltbelastung und Ressourcenschonung verknüpfen kann. Dies wird allerdings nicht ohne Einsatz von politischer Seite möglich sein.
Micha: Zu uns kommen jede Woche Personen, die ihr eigenes Projekt umsetzen wollen, aber nicht die Unterstützung bekommen, die sie benötigen. Das sind Menschen, die tolle Einblicke in die Abläufe der Gesellschaft haben, und eine erste Lösung für Probleme bereitstellen – also richtig fitte Menschen. Natürlich gibt es noch viele mehr, die nicht zufällig ihren Weg zu uns finden. Dazu kommen noch viele Menschen, die einen inneren Drang haben, gesellschaftliche Veränderung voranzubringen, aber nicht wissen, dass sie selbst aktiv werden können. Leider haben wir im Rhein-Main-Gebiet kein ausreichendes Ökosystem, um diese Anfragen auch nur ansatzweise abzudecken. Wir brauchen mehr Anlaufpunkte im Rhein-Main-Gebiet für Menschen, die die Lösungen für morgen entwickeln – und das verdammt schnell.

Das Interview führte Daniela Mahr für Reflecta