FAIRTRADEMERCH

Eine Bielefelder Siebdruckwerkstatt mit sozial und ökologisch verantwortungsbewusster Produktion und einer menschen-, umwelt- und tierfreundlichen Philosophie.

Interview mit David Finke, Gründer von FAIRTRADEMERCH

Lieber David: Berichte uns doch kurz, was es mit fairtrademerch auf sich hat.

Wir sind eine Bielefelder Siebdruckwerkstatt, die ausschließlich auf Fair- und Bio-Textilien druckt. Als Druckerei sind wir seit 2015 GOTS (Global Organic Textile Standard)-zertifiziert und verwenden nur für diesen Standard zugelassene Farben, die u.A. frei von PVC und Phthalaten sind. Zusammengefasst tun wir etwas, was wir sehr gerne tun -Siebdruck – und achten darauf, dass wir Mensch, Tier und Umwelt dabei nicht schaden.

Wie entstand die Idee?

Ursprünglich wollte ich mit einem Freund zusammen die eigenen Bandshirts drucken. Wir haben dann klassisch in der Garage unsere ersten Druckversuche gestartet und recht schnell für den erweiterten Freundeskreis gedruckt. 2009 haben wir eine Ladenzeile in Bielefeld angemietet und es einfach mal versucht. Ab 2010 habe ich fairtrademerch alleine weitergeführt – keine Sorge, wir sind nach wie vor gut befreundet und spielen zusammen in einer Band – zwei Jahre später, bis heute und fortlaufend dann zusammen mit meiner Frau Sabrina.
Vor gut fünf Jahren sind wir mit fairtrademerch auf das Gelände des Öko-Tech Parks in Bielefeld-Windelsbleiche umgezogen und lernen langsam unser kleines Geschäft (nicht nur scherzhaft) Firma zu nennen. Ob unsere Tochter in Zukunft auch etwas für Siebdruck übrig haben wird, warten wir mal ab!
Wir hatten also keinen konkreten Businessplan und haben auch keinen Kredit zur Firmengründung aufgenommen. Ohne zu wissen, ob und wie lange es funktionieren würde, haben wir uns Monat für Monat darüber gefreut, dass wir mit einer Sache, die uns großen Spaß macht, unsere Rechnungen zahlen können. Mittlerweile ist ein ‚Jahr für Jahr‘ daraus geworden, wir sind mit jedem davon einen Schritt weitergekommen und könnten nachh wie vor nicht glücklicher mit unserem Job sein.
Was den Einkauf der Textilien angeht, ist unsere grundlegende Überlegung eigentlich so simpel wie sie auch selbstverständlich sein sollte. Wir wollen auf fair und ökologisch verantwortungsbewusst produzierten Textilien drucken. Die Alternative dazu ist eine Textilindustrie, die Menschrenrechte und Umweltschutz missachtet und deren Produkte wir schlicht und einfach nicht kaufen wollen. 2009 war die Auswahl der fairen Hersteller mit EarthPositive und einer Handvoll kleinerer Labels noch sehr begrenzt. Mittlerweile hat sich der Fair- und Bio-Gedanke immer mehr durchgesetzt und es hat sich im Mode- wie auch Merchbereich einiges getan.

Wie kamst Du persönlich dazu?

Ich stand vor der Entscheidung, entweder meinen Master in Anglistik abzuschließen, oder stattdessen ein paar T-Shirts zu drucken. So einen leichten Weg in die Selbständigkeit findet wohl nicht jeder (lacht)! Einen Hintergrund oder gar eine Ausbildung in diese Richtung hatte ich nicht. Es waren eher die Hobbies Musik und Gestaltung, die mich zum Siebdruck gebracht haben. Das Handwerkliche haben wir uns dann durch Nachlesen, Ausprobieren und viele Frage/Antwort-Stunden beim geduldigen örtlichen Siebdruck-Großhandel angeeignet.

Was kannst Du zu den Herausforderungen berichten? Welche gab/gibt es und wie geht ihr damit um?

Um es so zu sagen, zum Shirts drucken gehört nicht nur das Shirts drucken. Sabrina und ich würden unsere Selbständigkeit für nichts in der Welt  eintauschen wollen, aber es gibt auch anstrengende Seiten. Es gibt weder ein festes Gehalt noch geregelte Arbeitszeiten. Urlaub und Wochenenden sind  theoretisch drin, in der Praxis aber nur, wenn man vor, nach, oder doch einfach währenddessen arbeitet. Und Buchführung ist einerseits wahnsinnig  interessant (lacht), andererseits gehörte BWL nie zu meinen Studienfächern oder entfernten Interessen und ich musste mich in das Thema einarbeiten.
Aber tatsächlich machen mir alle Seiten unserer Selbständigkeit Spaß, auch die Zahlen, letztendlich macht es die Arbeit ja auch vielseitig. Spätestens die Unabhängigkeit gleicht für mich wieder alles aus. Es ist schön, alle Entscheidungen selbst in der Hand zu haben.

Was würdest Du Menschen empfehlen, die ihr eigenes Projekt starten möchten?

Jedes Projekt/jede Idee ist wahrscheinlich so unterschiedlich, dass es schwierig ist hier pauschal einen guten Rat zu geben. Bei uns hat es bisher gut funktioniert, die Dinge einfach zu probieren, wenn man das Gefühl hat, dass eine Entscheidung richtig ist oder eine Sache funktionieren könnte.

Wie siehst Du die aktuelle gesellschaftliche Situation? Was läuft schief? Was gibt Hoffnung?

Ohne den Eindruck erwecken zu wollen ein negativer Mensch zu sein, im Gegenteil: Diese Fragen stelle ich mir jeden Morgen, wenn der Radiowecker die Nachrichten anknipst. Ziemlich viel läuft schief. Populismus läuft schief. Globalisierung läuft schief. Sichere Herkunftstaaten laufen schief. Fanatismus läuft schief. Nitrat im Grundwasser läuft schief. Clemens Tönnies läuft schief. Windräder laufen nicht, weil Atom und Kohle weiterhin schief laufen. In  Hamburg laufen Grundgesetz und Pressefreiheit schief. Donald Trump läuft schief.
Hoffnung gibt, dass es wahrscheinlich schon immer so war aber trotzdem bisher nicht final und endgültig schief lief, weil es genauso auch immer schon Menschen gab und geben wird, die sich mit Vernunft, Toleranz, Offenheit und Mut dem um sich greifenden Irrsinn entgegenstellen.
Meine Wahrnehmung ist außerdem, dass es in der Gesellschaft immer egozentrischer zugeht. Das ist bestimmt keine große Neuigkeit, aber momentan fällt es mir verstärkt auf. Aus dieser persönlichen Arroganz folgt ein entsprechendes Konsumverhalten, und im globalen Maßstab zieht es sich quer durch Politik und Wirtschaft. Fast Fashion von Primark wird begeistert gekauft, Flucht aus wirtschaftlichen Gründen nicht anerkannt. Die persönlichen Interessen stehen im Vordergrund. Auf wessen Kosten dieses Verhalten geht, wird trotz besseren Wissens allseits ignoriert. Vielleicht geht die Tendenz ja irgendwann einmal in Richtung Empathie und es entwickelt sich ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass man höchstpersönlich durch sein  (Kauf-)Verhalten einen direkten Effekt auf Mitmenschen, Tiere und Umwelt hat.

Was sind für Dich die mutigsten Ideen unserer Zeit, denen wir mehr Beachtung schenken sollten?

Die mutigste Idee unserer Zeit ist es vielleicht, sich selbst klar zu machen, dass man sich einen Planeten, der über endliche Ressourcen verfügt und nur einen winzigen, unwichtigen Teil in Raum und Zeit ausmacht, mit vielen anderen Menschen und Tieren teilt, die letztendlich doch nichts anderes anstreben, als möglichst glücklich ein paar Jahre darauf zu leben. Wenn man sich als Individuum mal wieder auf dieser Ebene einordnet, ergibt sich alles  Weitere von selbst.

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Das Interview führte Daniela Mahr für Reflecta