Identitäten I – Subkulturen

Unter Identität verstehen wir das Zugehörigkeitsgefühl eines Menschen oder einer sozialen Gruppe zu einem bestimmten Kollektiv. Dies kann eine Gesellschaft, ein bestimmtes kulturelles Milieu oder auch eine Subkultur sein: Es gibt die nationale Identität, die geschlechtliche Identität oder zum Beispiel die Identität, die anhand von Subkulturen entsteht. Die Identität bildet sich durch die Vorstellung, sich von anderen Individuen oder Gruppen zu unterscheiden. Es ist die Konstruktion des „eigenen“ und „anderen“, die stark mit Gefühlen verbunden ist. Zum einen das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit im „eigenen“ und zum anderen die Ablehnung, Verunsicherung des „anderen“.

Die Identitätsbildung ist von Fall zu Fall unterschiedlich und kann sowohl äußerst wichtig und konstruktiv, als auch (selbst-)zerstörerisch sein. Für eine unterdrückte Gruppe kann die kollektive Identität das Potential zur Selbstbehauptung dienen und ihr Stärke verleihen. Auf der anderen Seite stellt das Hinterfragen von traditionellen Identifikationen, einen wichtigen Prozess im kritischen Umgang mit sich selbst und der Umgebung dar.

Die erste Reihe beschäftigt sich mit der Identitätsbildung anhand von Subkulturen.
Was sind Subkulturen?

Subkulturen sind „Untersysteme“, die sich innerhalb des „Systems“ herausbilden. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie weitestgehend dieselben Normen, Symbole und Verhaltensweisen teilen. Es muss dabei zwischen zwei Typen unterschieden werden: Zwischen sogenannten Teilkulturen, also jenen Subkulturen, die ihren Platz innerhalb des herrschenden Systems haben – das wären zum Bespiel Sportvereine. Und zwischen einer anderen, und in diesem Fall durchaus interessanteren Gruppe: den Subkulturen, die aus sogenannten Gegenkulturen entstanden sind. Das wäre zum Beispiel, Hip Hop, Punk, die Hippie-Bewegung, Skater, aber auch Skins und andere Gruppierungen.

Subkulturen als Mittel der Identitätsfindung

Jede dieser Subkulturen hat ihre eigenen Interessen und Regeln, die dazu dienen, sich von anderen Subkulturen und/oder der Gesamtkultur abzugrenzen und von den Teilnehmern mehr oder weniger bewusst vertreten werden. Sie zeichnen sich aus durch die Musik die sie hören, ihre Kleidung, Haare, Verhalten, Aktionen und die Art von Drogen die genommen oder nicht genommen werden.
Musik ist ein wichtiges Element fast aller Subkulturen, viele werden sogar durch Musik hervorgerufen. Bei den meisten Jugendkulturen geht es bei der Musik nicht nur um deren Rhythmus und Melodie, sondern eben um Werte und Normen die vermittelt werden. Texte und Interpreten vermitteln Einstellungen zu Politik, Leben und Gesellschaft. Man denke nur an die Protestsongs der 68er Friedensbewegung oder den Hip Hop als Musik der Ghettojungend in Amerika gegen weißen Rassismus. Durch die enge Vernetzung von Musik und Subkulturen gibt es also auch einen starken Zusammenhang zwischen Identitätskonstruktion und Musik.
Subkulturen sind für viele Jugendliche ein Hilfsmittel bei ihrer Identitätskonstruktion. Sie können innerhalb verschiedenster Gruppen neue Rollen annehmen. Die meisten Jugendlichen durchlaufen in der Phase des Heranwachsens mehrere Subkulturen. Sind sie mit 15 noch überzeugte Hippies und sitzen in Hanfklamotten, mit Dreads auf dem Boden ihres Zimmers, während sie Friedenslieder singen und auf der Gitarre spielen, können sie schon mit 16 zu der Technokultur gehören, und in neonfarbenen Outfits die ganze Nacht in Clubs durchfeiern und den Konsum verehren.

Subkulturen im 21. Jahrhundert?

Wenn also zwei Elemente: Unzufriedenheit von Jugendlichen und Musik, eine neue Subkultur hervorriefen, was bedeutet dies dann für die deutschen Jugendlichen der Anfänge des 21ten Jahrhunderts? Sind sie zufrieden mit dem gesellschaftlichen System oder viel mehr zu antriebslos und gleichgültig, um sich gegen ein System zu stellen und ihre Unzufriedenheit auszudrücken? Vielleicht war der Antrieb für die Neubildung auch nicht die Unzufriedenheit der Jugend, sondern das Aufkommen einer neuen Musikrichtung. Dies würde bedeuten, dass die Unkreativität der Künstler bzw. die Standardisierung und Innovationsängste der Musikindustrie Schuld sind, dass sich keine neuen Subkulturen mehr herausbilden.
Nimmt man das Beispiel die Subkultur des Hip Hops, der durch die Kommerzialisierung von einer Musik der afroamerikanischen Jugend gegen weißen Rassismus zu einer Mainstreammusik wurde, die inhaltlich im Allgemeinen keinen großen Anspruch hegt. Meist geht es um Gangstertum, Frauen, Sexualität, Waffen und ab und an um Drogen. Doch zerstörte dieser Wandel zum Mainstream die Subkultur Hip Hop? Jedenfalls hat die Kommerzialisierung durch die Musik- und Modeindustrie diese Subkultur für Jugendliche auf der ganzen Welt zugänglich gemacht, auch wenn der ursprüngliche Sinn nur noch selten auftaucht. Die Authenzität fehlt. Aber muss eine Jugendkultur authentisch sein, um Jugendlichen ein soziales Netzwerk und eine Möglichkeit der Identitätsfindung zu bieten?
Natürlich spricht auch viel für eine Modewelle, schließlich fand man in der Zeit bei H&M kaum etwas, dass nicht mit soeben genannten Motiven bedruckt war. Folglich könnte ja ein weiterer Grund für das Verschwinden der Jugendkulturen die Kommerzialisierung unserer Gesellschaft sein…

Diese und andere Fragen werden in dieser Reihe über Subkulturen thematisiert, wobei wir uns nicht anmaßen werden für alle die Antworten zu finden. Daneben geht es vor allem darum, zu erkennen, dass es neben der eigenen Lebensweise viele weitere gibt. Die Reihe bietet die Möglichkeit, das scheinbar Fremde kennenzulernen, sich an Vergangenes zu erinnern und durch Information Verständnis zu schaffen.

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