Interview mit Jakob Berndt

Reflecta im Interview mit Jakob Berndt, einem der drei Gründer von Lemonaid.

Was ist Lemonaid?

Lemonaid (www.lemon-aid.de) ist ein Projekt aus Hamburg-St. Pauli, das vor rund fünf Jahren von Paul, Felix und mir gegründet wurde. Wir produzieren biologische und fair gehandelte Getränke. Mit den Erlösen finanzieren wir eigene Entwicklungsprojekte in den Anbauregionen. Mittlerweile findet man unsere Produkte in Deutschland, Österreich und in der Schweiz. Sie sind sogar im Café um die Ecke, im Bioladen, im Programmkino und hier und da im ganz normalen Supermarkt zu kaufen.

Wir versuchen uns sehr intensiv mit unseren Rohwaren und den Menschen dahinter auseinanderzusetzen. Sämtliche Zutaten sind biologisch angebaut und stammen von Kleinbauern und Kooperativen aus aller Welt mit denen wir zusammenarbeiten. Durch fairen Handel wird eine nachhaltige, menschenwürdige Landwirtschaft unterstützt. Jedes Jahr reisen wir selbst in die Regionen, um zu schauen, was sich „hinter dem Siegel“ verbirgt. Zudem fließt ein fester Betrag pro Flasche in die sozialen Projekte des Lemonaid & ChariTea e.V. So kamen bisher mehr als 500.000€ zusammen – das entspricht 100% des Profits. Die Projekte sind allesamt kleine, lokale Initiativen, die wir zusammen mit den Menschen vor Ort aussuchen und entwickeln.

Wie entstand die Idee?

Auslöser waren Pauls Erfahrungen in der klassischen Entwicklungszusammenarbeit. Er war für kurze Zeit bei der GIZ in Sri Lanka.
Der Umgang der klassischen Institutionen mit ihren Budgets war für ihn irritierend und so entstand der Wunsch, entwicklungspolitisches Engagement mit einem Unternehmensmodell zu kombinieren. Das ermöglicht doppelte Kontrolle: zum einen durch uns selbst, denn wir müssen ja „jede Mark“ selbst verdienen, bevor sie in die Projektarbeit geht. Zum anderen geht auch eine gewisse Kontrolle von den Kunden aus, da diese, mit gutem Recht, genau wissen wollen, wie und für was genau wir die Gelder verwenden.

Was waren die Startschwierigkeiten/Herausforderungen, mit welchen Problemen wurdet ihr konfrontiert? Wie wurden sie gelöst?

Puh, da gab es einige.Wir hatten ja keinerlei unternehmerische Erfahrung, geschweige denn irgendwelche Kenntnisse vom Getränkemarkt- und Handel. Erstmal war alles Neuland: die Produktion, das Sourcing, die Logistik, der Vertrieb, alles.

Aber wir sind dann einfach ins kalte Wasser gesprungen. Das begann mit den Rezepturen,  an denen wir in unserer Küche feilten und ging bis zu Messeausflügen, die wir gemacht haben. Dabei haben wir sehr viele Leute mit sehr vielen dummen Fragen genervt, schätze ich. Zudem haben wir relativ früh angefangen, uns Feedback einzuholen. Noch ohne Flaschen oder fertiges Design sind wir mit Plastik-Bottichen losgestapft und haben Hamburger und Berliner Gastronomen unsere Drinks vorgestellt. Die waren angetan und das hat natürlich Rückenwind gegeben, um weiterzumachen.

LemonaidLemonaid

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Dich?

Hm, am Ende wahrscheinlich, dass man die Sachen zu Ende denkt.
Dass man sich die Mühe macht, Zusammenhänge zu erkennen und sich den Folgen seines Handels bewusst wird. – Vor allem auch der langfristigen Folgen und dann auch bereit ist, für diese Verantwortung zu übernehmen.
Die aktuelle Flüchtlingsdebatte ist da ja ein gutes Beispiel: Da fragen sich die Leute doch tatsächlich, warum die Menschen ihr Leben riskieren und ihre Familien verlassen, um hier nach Europa zu gelangen?
Es ist doch so offenkundig, dass unser System; unsere Form des Wirtschaftens strukturell dafür gesorgt hat, das es sich in anderen Teilen der Welt nicht mehr vernünftig leben oder sogar überleben lässt.
Da kann man nicht einfach höhere Zäune bauen und so tun, als gehe einen das nichts an. Und parallel zu diesen Ereignissen feiert man dann auch noch das Jubiläum des Mauerfalls …

Das Interview führte Solveig Sostmann für Reflecta

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