Interview mit Lovis Willenberg – Gründer des Heldenmarkts

Der Heldenmarkt ist eine Messe für nachhaltigen Konsum. Sie wird sechs Mal im Jahr an sechs verschiedenen Orten in Deutschland veranstaltet.

Im Gespräch mit… Lovis Willenberg – Gründer des Heldenmarkts

Wie kamst Du auf die Idee, den Heldenmarkt zu gründen?

Ich bin eigentlich Landschaftsplaner, entschied mich aber im Studium, meiner anderen Berufung mehr zu folgen. Ich bin auch DJ und habe dann parallel zu meinem Studium einen Plattenladen aufgemacht. Mein ökologisches Herz schlug aber immer weiter und irgendwann las ich im Greenpeace Magazin was über Turnschuhe aus 100 % Recyclingmaterial. Die sahen so cool aus, dass ich dachte: Die muss ich unbedingt haben! Da habe ich gemerkt, dass es niemanden in Deutschland gibt, der sie verkauft und mir gedacht: Dann muss ich sie eben jetzt als Händler importieren. Durch den Plattenladen, inzwischen waren es sogar zwei, hatte ich ja schon Erfahrung. Das war der Zeitpunkt, an dem ich mich zum ersten Mal mit Ökomode beschäftigt habe. Im Regal des Heldenmarktbüros steht noch der aus alten Tweed-Anzügen recycelte Schuh, mit dem alles begann. Plötzlich habe ich gemerkt: Es gibt Ökosachen, die null „ökig“ aussehen, sondern richtig cool sind. Das war der Punkt, an dem coole Ökolabels meine neue Botschaft wurden. Ich versuche immer, das Besondere zu fördern. Bei der Musik war es so, dass ich die Leute vom immer selben Radiogedudel auf neue Ideen bringen wollte und bei der Ökomode ist es die Entdeckung, dass es möglich ist, für 30 € ein T-Shirt zu kaufen, das weder Menschen noch Umwelt schädigt. Das alles geschah um das Jahr 2006. Dann habe ich angefangen, im Plattenladen Ökolabels anzubieten. Mit der Zeit wurde der Laden einfach zu klein, weil ich merkte, dass es unglaublich viele tolle Sachen gab. Mir wurde klar, dass es eine große Lücke gab zwischen Angebot – das es tatsächlich gab und gibt und der Nachfrage, die auch da ist. Was fehlte war die komplette Infrastruktur. In meinem Viertel, dem Prenzlauer Berg gab es so viele Leute, die alle ähnliche Ideen hatten, aber noch keine Ahnung von Marketing, Pressearbeit etc. Die ganzen Kleinen mussten sich zusammentun, denn dann ist man plötzlich groß und kann einiges auf die Beine stellen. Ständig hörte man von der Fashion Week in Berlin, man las in der Zeitung, dass die grüne Mode boomt – aber es gab sie nirgends zu kaufen.  Das musste sich ändern. Das Konzept für den Heldenmarkt als Messe für nachhaltigen Konsum entstand 2009.

Was waren die Startschwierigkeiten, mit denen Du konfrontiert wurdest?

Ursprünglich wollte ich einen nachhaltigen Weihnachtsmarkt machen, weil zu der Zeit der riesige Konsum für Schrott am deutlichsten wird. Als Veranstalter wusste ich, dass man ca. drei Monate Vorlaufzeit für alles brauchte und fing dementsprechend im Herbst an, für meinen Weihnachtsmarkt zu akquirieren. Die Antwort der meisten war: Herr Willenberg, das ist ja eine ganz tolle Idee, aber doch nicht am letzten Wochenende vor Weihnachten. Da haben wir zum einen so viel Umsatz im Webshop, dass wir kaum nachkommen und zum anderen, Weihnachtsfeiern, andere Weihnachtsmärkte und so weiter.
Ich merkte, dass zwar Interesse da war, aber die Zeit zu knapp und die Jahreszeit auch ungünstig.

Wie bist Du damit umgegangen?

Ich zog die Notbremse und verlegte die Veranstaltung auf das Frühjahr.
Im März 2010 fand so der erste Heldenmarkt in Berlin statt, für den ich eine relativ große Halle, den Postbahnhof, anmietete. Viele Geschäfte fragten natürlich nach der Erfahrung der letzten Jahre und schreckten zurück, als sie merkten, dass es unser erstes Mal und ich eigentlich DJ war. Trotz allem habe ich es geschafft, 68 Aussteller für die Sache zu gewinnen. Das lief damals alles vom Wohnzimmer aus. Ich war alleine, meine Frau hat mir mit dem Kind und allem anderen den Rücken freigehalten hat. Ich hatte auch ein, zwei Leute, die mal eine Presseerklärung geschrieben haben. Dann folgten Interviewanfragen und das schlug super ein: Wir waren in den Berliner Tageszeitungen mit halber Seite  auf Seite drei.

Die erste Veranstaltung lief auch super. Finanziell waren wir plus minus null. Davor war mir gar nicht wirklich bewusst, dass ich da natürlich auch ein finanzielles Risiko einging.  Ich ging einfach immer davon aus, dass schon alles funktionieren würde, weil ich da auch etwas naiv und gutgläubig bin. Wenn man die Dinge zu sehr durchrechnet, dann lässt man sie am Ende aus Angst bleiben. Ich hatte auch einen Berater, der mich auf Dinge hingewiesen hat, wie z.B. eine Firma zu gründen und das Ding, vor allem auch aus Haftungsgründen (wenn jemand ausrutscht etc.) nicht als Privatperson durchzuziehen. Und so wird man plötzlich Unternehmer. Jetzt sitzen sechs Leute hier und wir machen sechs Veranstaltungen im Jahr. Unser Team ist eine wilde Mischung: Wir haben einen studierten Agrarmenschen, eine Umwelttechnikerin, eine Psychologin und Sozialwissenschaftler.

Was würdest Du anderen raten, die ähnliche Ideen haben?

Nicht zu lange über alles nachzudenken. Meine Frau beklagt sich manchmal drüber, aber wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, dann ziehe ich das auch durch. Der Gedanke ist dann so stark, dass es nicht mehr anders geht. Wenn das Feuer wirklich brennt, schaffst Du es auch, andere zu entzünden. Natürlich hat man ein hohes Risiko, die Halle muss auf jeden Fall bezahlt werden, egal ob jemand kommt oder nicht. Ich habe Personalkosten, Druckkosten, Security etc. Die ganzen Nebenkosten sind einem als Besucher ja auch gar nicht klar. Manche wundern sich, dass sie Eintritt zahlen sollen, obwohl sie doch auf die Messe gehen, um dort Geld auszugeben. Solche Mails bekommen wir häufig. Die Leute sagen wenn sie ins Kaufhaus gehen, zahlen sie ja auch keinen Eintritt. Was da aber an Arbeit, Kosten und Logistik dahinter steht, wird leider oft unterschätzt.

Zuerst gab es den Heldenmarkt zwei Mal im Jahr in Berlin, doch dann hatte ich die Sorge, dass die Leute sich zu schnell daran satt sehen. Außerdem hatte ich auch immer die Vision, aus Berlin rauszugehen und die Information und Produkte für alle zugänglich zu machen.

Was bedeutet der Begriff Nachhaltigkeit für Dich?

Damals war es genau die richtige Zeit, den Begriff zu verwenden. 2009 kam er langsam in der Politik auf und war noch nicht so abgenutzt wie heute. Was heißt es für mich als Einzelperson und nicht als gesamte Gesellschaft? Meine Idee für den Heldenmarkt war ja auch, jedem zu zeigen, dass man die Wahl hat und die persönliche Handlung einen Unterschied macht. Wenn man eine neue Jeans braucht, dann kann es genauso gut eine Öko-Jeans sein und „ökig“ sehen die schon lange nicht mehr aus.

Für mich persönlich heißt nachhaltig leben, keine Spuren zu hinterlassen, nicht mehr zu nehmen, als ich schaffe, einfach die Äpfel zu essen, die vom Baum fallen bzw. die, die reif sind und nicht Blätter und Wurzeln. Am Beispiel des Baumes ist sowas ganz einfach zu verstehen, aber in unserer Gesellschaft ist es natürlich noch etwas komplexer: Was heißt es, wenn ich mit dem Auto fahre, aber dafür kein Fleisch esse? Es gibt, glaube ich niemanden, der komplett nachhaltig lebt, wenn er in der Stadt wohnt. Man ist einfach so sehr angewiesen auf Zulieferer, wir sind abhängig davon, dass der Bauer uns Getreide anbaut, der Müller es mahlt. Urban Gardening oder selbst anpflanzen ist da nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Fast jeden Tag geben wir Geld aus und mit meinem Geld steuere ich gesellschaftliche Entwicklung. Natürlich muss ich aber auch kommerzielle Sachen kaufen. Ich muss zum Baumarkt fahren, wenn ich eine Glühlampe brauche. Dann kaufe ich LED, aber die wurde in China produziert – vermutlich nicht Fair Trade, aber es ist immer noch besser als eine normale Glühlampe. Du kannst nicht das komplett richtige Leben in dieser vermeintlich falschen Gesellschaft führen.  Deshalb muss man sich aber nicht wie ein Käfer hinlegen und sagen: man kann ja eh nichts ändern, dann mache ich auch nichts.

Wie siehst Du die gesellschaftliche Situation? Was gibt Hoffnung, was läuft gut und was gänzlich schief?

Hui, heftige Frage. Schau, ich sitze hier im Prenzlauer Berg, die Insel der Glückseligen. Wenn Du hier um 9:30 durch die Straßen läufst, dann sitze alle in den Cafés, haben teure Sonnenbrillen auf, schauen ins neuste Ipad und Du denkst Dir: Denen geht es gut. Und wenn Du dann in andere Teile von Berlin gehst, sieht die Welt plötzlich ganz anders aus. Ich wohne in der Straße seit 15 Jahren und habe das Glück, noch einen alten Mietvertrag zu haben, sonst wäre ich auch schon längst verdrängt worden. Aber ich habe hier alles, was ich brauche. Nach Kreuzberg ist es für mich wirklich eine Weltreise. Was gibt es da, was es hier nicht gibt? Deshalb bin ich nicht so oft unterwegs und wenn man es dann mal ist, sieht man, dass es tatsächlich auch noch andere Leute gibt, die, denen es nicht so gut geht und die haben einfach auch nicht die Zeit, sich Gedanken zu machen, ob sie jetzt lieber einen veganen Latte Macchiato trinken oder eben doch den Bio-Milch-Latte-Macchiato.

Vor einer Weile war Bio noch ein Modephänomen, heute ist es normal geworden und wurde durch die vegane Bewegung abgelöst. Bei der veganen Bewegung fehlt mir leider oft der Öko-Gedanke. Vielen Leuten ist es vollkommen egal, wie und wo die Produkte hergestellt wurden – die Hauptsache, den Tieren geht es gut. Wir selbst im Büro essen jeden Tag Bio-vegan und kochen selbst. Wir haben viele im Team, die komplett vegan leben, auch Halbzeitveganer und Allesesser. Wobei das Einkommensthema gar nicht mal so stark ist. Wir merken das bei unseren Besuchern. Da kommen alle: Die mit 1000€ Bargeld, weil sie mal eben ein paar Recyclingmöbel kaufen wollen, es kommen die mit der Sozialkarte oder die, die sich die 6€ angespart haben, weil es ihnen wirklich wichtig ist. Das Thema geht durch die gesamte Gesellschaft. Daran sieht man, dass man den Tipping Point erreicht hat, es also nicht mehr ein Phänomen der Kritischen Masse, sondern der gesamten Gesellschaft ist.