Van Bo Le-Mentzel, Architekt, Green Designer, Journalist, Aktivist und Freidenker

Reflecta stellt vor. Diesmal Van Bo Le-Mentzel.

Was ist Dein Hintergrund?

„Ich bin Architekt und habe vor 5 Jahren die Hartz-4-Möbel (auch als Buch erschienen) entwickelt. Das ist ein Blog, mit dem man teure Bauhaus-Möbel mit einfachen Mitteln aus dem Baumarkt nachbauen kann. Dann habe ich die Karma-Chakhs, Fair-Trade-Schuh, erfunden.

Bei vielen meiner Projekten geht es um den Prosuming-Trend. Prosuming ist die Mischung aus Producing (Produzieren) und Consuming (Konsumieren). Das ist ein Trend, der aus der Energiewirtschaft kommt und den Vorgang der eigenen Stromherstellung bezeichnet. Das Konzept übertrage ich jetzt auf andere Güter, wie z. B. Schuhe, Jacken, Möbel oder Häuser. Ich habe nämlich auch Häuser zum Selberbauen entwickelt – die sogenannten Tiny-Houses. Zudem gründe ich zurzeit Schulen und Universitäten, die das derzeitige Bildungssystem inspirieren können.“

Stell uns doch kurz Deine aktuellen Projekte vor.

„Es gibt sehr viele Projekte. Das aktuellste ist „Hartz 5“. Hier versuche ich, das Experiment „Hartz 4“ weiterzuentwickeln. Darin stecken sehr viele Inspirationen: zum einen finden sich darin Elemente vom „D-Scholarship“, ein Crowdfunding-basiertes Stipendium, das ich 2014 umgesetzt habe und zum anderen wäre da „mein Grundeinkommen“, ein Crowdfunding-basiertes Grundeinkommen und Wikipedia.

Die Idee dahinter ist, dass jeder einen anderen Menschen fördern kann. Die Umsetzung sieht wie folgt aus: Du suchst Dir gemeinsam mit vier anderen eine Person aus, die Du gerne fördern möchtest. Anschließend überweist man jeden Monat einen Betrag zwischen 1 und 5 €. Auf einer Website, die den Namen der geförderten Person trägt (z. B.: www.Peter-Mueller.h5) kann man ein Video anschauen, weitere Infos bekommen und den Dauerauftrag starten, der mindestens ein Jahr läuft.

Das heißt, für Künstler, Journalisten und Menschen, die gute Netzwerke haben, ist das hochinteressant. Wenn Du mehrere Leute hast, die 3 € im Monat spenden, hast Du schnell einiges zusammen. Und bei einer Spende von 3-5 € im Monat ist die Hemmschwelle nicht so groß. Stell Dir vor, Du triffst einen Taxifahrer, der Dir extrem sympathisch ist. Du kennst seinen Namen, weil dieser vorne im Taxi steht. Dann schaust Du, ob er eine Hartz-5-Seite hat und stellst einen Dauerauftrag von einem Euro ein-das sind 12 € im Jahr. Ein Taxifahrer trifft vielleicht ziemlich viele Menschen pro Tag. Dank diesem Projekt könnte er ein kleines Zusatzgeld verdienen.

Ich denke, dass Hartz 5 die Art und Weise, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen, verändern
kann. Im Moment sind wir oft nett zu Menschen, die uns Geld geben, sprich unsere Arbeitgeber
oder Kunden. Mit Hartz 5 aber, könnte ich mir vorstellen, wären wir auf einmal auch nett zu
Menschen, denen wir im Alltagsstress kaum Beachtung schenken.“

Wie fing alles an und was waren die Startschwierigkeiten?

„Meine Eltern sind von Laos nach Europa geflohen und haben in Thailand ein, zwei Jahre Zwischenstopp gemacht, weil nicht klar war, wohin sie gehen sollten. Während dieser Zeit kam ich in einem Lager zu Welt. Das heißt, dieses rastlose, dieses ständige nicht wissen, was kommt, das darunter leiden, dass es anderen besser geht als uns, beschäftigt mich somit schon mein ganzes Leben. Die Frage nach dem „Warum bin ich am Ende der Kette“ war permanent da.

Jetzt bin ich plötzlich nicht mehr am Ende der Kette. Ich bin jetzt Gastprofessor und könnte mich zurücklehnen und sagen: super, das war der „deutsche Traum“ – ich hab’s geschafft und ihr habt alle Pech. Aber so einfach ist das nicht.“

Erzählst Du uns etwas zu Deiner Grundmotivation?

„Ja, natürlich. Was mich bei allem antreibt, ist die Sehnsucht nach Gerechtigkeit. Ich habe das Gefühl, dass der Wohlstand, der in Deutschland und gerade in Frankfurt herrscht, absolut surreal ist.

Wenn alle Menschen so leben würden, wie viele Menschen in Wiesbaden, Mainz oder Frankfurt… das wäre einfach gar nicht möglich.
Diejenigen, die am längeren Hebel sitzen, nämlich die reichen Industrienationen, wir nehmen uns natürlich einfach das Recht, unsere Wohnung so groß wie möglich zu machen, so viel Wasser zu verbrauchen, wie wir wollen etc. Wir lassen, die Güter, die wir gerne und viel benutzen herstellen und uns ist es eigentlich ziemlich egal, wie, von wem und unter welchen Bedingungen zum Beispiel Kaffee hergestellt wird. Unser Wohlstand ist extrem ausbeuterisch und das haben viele noch nicht verstanden. Viele halten an dem Wohlstand fest und sagen, wir müssten ihn sichern. Ich bin aber der Meinung, wir müssten ihn endlich abbauen.

Ich komme ja selbst aus einem Land, aus dem die Leute alle weg wollen – aus Laos. Ich bekomme das jeden Tag mit, dass Menschen sterben, weil sie hier her wollen und das ist schlichtweg ungerecht. Was daraus bei mir entsteht, ist eine innere Wut, die mich zu meinen Projekten antreibt.“

Es geht nicht um Schuhe, Häuser oder Möbel…

„Wenn Du über Gerechtigkeit, Demokratie oder Nachhaltigkeit sprichst, dann sind das alles sehr abstrakte Begriffe, die letztlich keiner versteht. Und wenn Du Jahresberichte oder Studien liest, dann wird das auch nicht Dein Verhalten verändern. Man braucht immer eine Art Köder, eine Art trojanisches Pferd. Meine trojanischen Pferde, die die Botschaft vermitteln, sehen eben aus wie schicke Möbel, coole Schuhe oder tolle Häuser. Aber es geht bei meinen Projekten natürlich nie um die Schuhe, Häuser oder Möbel. Es geht nicht um materielle Dinge, sondern um die Selbstständigkeit und Menschen zu ermutigen, selbst nachzudenken.

Ist das wirklich so, dass wir so wohnen müssen, wie wir wohnen? Müssen wir alle den Bildungsweg einschlagen, von dem uns alle erzählen? Müssen wir wirklich 40 Stunden die Woche arbeiten? Müssen wir unsere Kinder abgeben?
Ich habe einfach das Gefühl, wir Menschen haben ein Problem damit, wir selbst zu sein. Wir flüchten vor uns selbst und das ist ein ziemlich großer Fehler. Wir brauchen unbedingt wieder den Zugang zu uns selbst. Das ist eine schmerzhafte, aber sehr schöne Erfahrung – eine, die man mit keinem Geld der Welt bezahlen kann.

Was würdest Du anderen Menschen empfehlen, die aktiv werden wollen?

„Ich würde ihnen empfehlen, nicht zu viel nachzudenken, sondern einfach zu handeln. Und es gibt einige, die schon so ticken wie ich und Spark-ups gründen. Es geht um das Experimentieren!

Als ich mit den Karma Chakhs anfing, hatte ich keine Ahnung von der gesamten Materie. Aber mit Hilfe der Crowd, haben wir gemeinsam eine Lösung gefunden.

Mein Motto lautet: do it together – nicht do it yourself.“

Was bedeutet Nachhaltigkeit für Dich?

„Das Wort Nachhaltigkeit wirst Du in keinem meiner Projekte finden. Das Wort sagt überhaupt nichts mehr aus. Ich benutze lieber das Wort „Enkeltauglichkeit“. Somit überlege ich mir im Vorfeld, ob mein Handeln für meine Enkel noch eine Bedeutung haben wird. Wenn dies nicht der Fall ist, lasse ich die Finger davon.“

In Deinem Film „3 Min of Fame Love and Peace“ geht es um einen erfolglosen Musiker, der mithilfe seiner Religion zu sich selbst findet. Ist dieser Film auch enkeltauglich?

Ich hoffe doch sehr, dass man diesen Film noch in 50 Jahren anschauen mag. Und dass es den Kindern meiner Kinder etwas vermittelt. Menschen brauchen Geschichten, an denen sie selbst wachsen können. Der Islam ist heute in Europa das, was das Judentum vor Hundert Jahren war: Der Sündenbock der Nation. Und das wird sich sicherlich auch in 100 Jahren nicht ändern. Da müssen dann wieder andere Minderheiten hinhalten. Der Film ist ja ein Experiment. Keine Schauspieler, kein Drehbuch, kein Budget, aber eine starke Botschaft: Ich würde gerne als Nichtmoslem den Koran verstehen. Und jeder, der Lust hat auf was ganz verrücktes, ist eingeladen, mitzumachen.

Interessanterweise haben sich dann bei mir viele fromme Moslems gemeldet, ein Muezzin aus Solingen spielt eine der Hauptrollen und spielt an der Seite von dem Hauptdarsteller Shai Hoffmann, der einen Moslem spielt, im wahren Leben aber Jude ist. Als sich das rumgesprochen hat, haben sich dann viele andere Juden aus meinem Facebook-Kreis gemeldet. Der Film ist ein jüdisch-muslimischer Perspektivwechsel. Man hätte mit dieser Energie auch eine Bildungskonferenz oder ein Buch machen können. Ich habe mich für das Medium Film und somit Schauspiel entschieden. Denn die Darsteller haben unseren Film wie einen Spiegel benutzt, der ihnen erlaubte, eine andere Rolle einzunehmen, ohne ein Risiko eingehen zu müssen.

Du bist für viele Design, Bildungs- und Architekturinitiativen bekannt, aber ein Spielfilm ist für Dich Neuland, oder?

Ja, absolut. Ich liebe es, Anfänger zu sein. Denn nur Anfänger fangen wirklich an. Die anderen schreiten ja fort – die sogenannten Fortgeschrittenen – oder Fachleute sind schon zu sehr in ihrem Fach gefangen. Es ist ein Privileg mit den Augen eines Kindes auf die Welt schauen zu dürfen.

Und was hast Du für Dich im Koran gefunden?

Der Koran ist eine poetische Einladung gewesen, mich selbst zu erkunden. Wie stehe ich zu Politik, Ernährung, Genderthemen, Gerechtigkeit, Geld, Zinsen, Liebe und zu Menschen, die nicht so sind wie ich. Man darf nicht vergessen, der Koran ist eine Überlieferung und kein Buch. Und der Koran ist keine einfache Bettlektüre, deswegen liegt er auch nicht in Hotels aus wie die Bibel. Den Koran muss man auf arabisch singen, dann macht er was mit Dir. Da ich kein arabisch kann, aber arabische Musik liebe, habe ich diese Schwäche mit algerischer Popmusik wettgemacht: In meinem Film geht es um einen algerischen Popmusiker, der den Konflikt austragen muss, dass er aus Karrieregründen seinen heißgeliebten Song aus dem arabischen ins Deutsche übersetzen muss. Ihm wird aber klar, dass seine Fans den Song auch dann fühlen können, wenn sie die Sprache nicht verstehen. Es ist verrückt, aber es funktioniert. Im Dada war das Wort auch nicht entscheidend, sondern die Art des Vortragens.

Es gab kein Casting und auch kein Drehbuch. Jeder konnte offensichtlich mitgestalten. Warum war Dir das wichtig?

Ich denke, dass ein guter Film mehr verändern kann als eine wissenschaftliche Studie oder gar ein Gesetz. In Deutschland ist die Hip Hop-Bewegung in den Achtzigern in Gang gesetzt worden durch den Musikfilm „Beatstreet“ von Harry Belafonte und Deutscher Rap wurde in den Neunzigern populär durch die Fernsehdoku „Lost in Music“. Was ich an den Filmemachern hierzulande kritisiere ist, dass die alle zu sehr nach den Spielregeln der Fernsehanstalten und Filmförderung tanzen. Wer Geschichten erzählen kann, hat auch eine Verantwortung.

Und diese beginnt nicht erst bei der Premiere, sondern schon am Set. Wie gehe ich mit dem Team um? Ein Set ist ähnlich wie der Theaterbetrieb hochgradig ausbeuterisch. Regisseure und Produzenten glauben, dass nur dann ein gutes Werk herauskommt, wenn alle nach deren Pfeife tanzen. Bei unserem Projekt konnte jeder Regie führen oder eine Rolle besetzen und sogar das Drehbuch schreiben.

Überwiegend waren wir alle Amateure, außer Michael Homa, unser Kameramann, der ist vom Fach. Denn wenn die Menschen am Set etwas für sich entdecken, dann habe ich schon viel erreicht. Mein Film beginnt nicht erst im Kinosaal, sondern schon sehr viel früher. Ich nenne das Crowdscripting. Ich hoffe, dass viele Zuschauer den Film kopieren, weiterreichen oder gar neu verfilmen oder einzelne Passagen neu interpretieren und remixen. Geschichten müssen nicht geschlossen und linear sein. Sie können sich auch verändern und zirkulieren. Wie das Leben. Übrigens eine Sache, die mich der Koran gelehrt hat.